Ich hebe meine Laptop hoch, der auf unserem Esstisch steht und drunter liegt es. Ihr Heft. Ihr Mathe Arbeitsheft. 2. Klasse. Denken und Rechnen. Ihr Name steht drauf.
Und es überkommt mich – mal wieder – dieser Moment in dem alles in mir zusammen bricht und ich nur noch weinen kann. Solange bis keine Tränen mehr kommen.
Diese Momente habe ich relativ oft. Mal täglich, mal geht es ne Woche gut. Mal im Traum, mal morgens früh, wenn ich alleine aufwache.
Mal in der Pizzeria wo an der Wand Ausmalbilder von Elsa und Anna hängen.
Mal wenn ich Bilder zugesendet bekomme, mal wenn ich über ein Kuscheltier zuhause stolpere um das sich gestern noch bis aufs Blut gestritten wurde.
Die Trauer kommt in unterschiedlich Situationen und in ganz unterschiedlichen Formen.
Aber wenn sie kommt, dann kommt sie unverhofft. Hinten rum. Und dann bähm in your Face und ins Herz. Mitten rein.
Das ist dann wie ein Schock und du kannst nicht anders als zu weinen. Und dir eingestehen, dass du trauerst. Das du etwas verloren hast, dass es dir das Herz zerreißt. Immer mal wieder.
Ich hätte niemals gedacht, dass der Prozess durch den ich seit der Trennung emotional durchgehe Trauer ist. Ich fühle mich oft schuldig – damit hab ich gerechnet. Ich schäme mich selten – aber selbst damit hab ich gerechnet. Aber Trauer. Niemals….
Ich vermisse meine Kinder jeden Tag an dem sie nicht hier sind. Das Matheheft liegt hier seit gestern, ich hab sie zwei Tage hintereinander hier bei mir gehabt. Und heute morgen schon wieder so schlimme Trauer. Obwohl ich sie morgen schon wieder sehe. Nein heute Mittag – ich muss ja das Matheheft bringen….
Es geht hier also vielleicht nicht nur um die Zeit die wir uns nicht sehen und die Abstände. Vielleicht geht es um viel mehr, das betrauert werden will. Ein Bild, das man vor vielen Jahren gezeichnet hat, das nun nicht mehr weitergemalt werden kann. Versprechungen, die gebrochen wurden – nicht nur uns Erwachsenen gegenüber, sondern auch gegenüber unseren Kindern. Vor allem unseren Kindern gegenüber. Das was ich hier fühle hat nur noch mit meinen Kindern zu tun. Die sind ein Teil von mir, von dem man sich nicht trennen kann.
Und es geht um Alltagsdinge, Gute Nacht und guten Morgen sagen. Ich hatte das jeden Tag, jetzt habe ich nur ein paar Mal im Monat.
Wobei ich aufpassen muss, ist dass ich es nicht alles persönlich nehme und auf die Trennung beziehe. Mein großer ist fast 14… Der nabelt sich ab. Unabhängig von der Tatsache, dass ich das Familiennest verlassen habe. Ein normaler Prozess. Es hilft mir, wenn mir Eltern sagen: „Du meine Kids wollen mit mir auch nicht mehr wirklich viel Zeit verbringen“ – obwohl sie noch unter einem Dach wohnen. Aber ich falle eben im Alltag als Anlaufstelle Werg und das tut mir so weh. Und ihnen auch – ich weiß das.
Aber jetzt kommt der Punkt: Ich lerne gerade, dass all diese großen Gefühle nebeneinander existieren können. Tiefe Trauer aber eben dennoch das Gefühl, dass es der absolut richtige Weg für mich ist. Unausweichlich. Richtig.
Unglaubliche Verliebtheit auf der einen Seite und Schuldgefühle auf der anderen… Ich halte das alles. Und merke wie stark ich bin und wie lebendig ich mich fühle. Auch wenn es schmerzhaft ist, denn auch Schmerz erinnert uns, dass wir am Leben sind.
Was wirklich hilft ist, wenn ich die Tränen dann laufen lassen kann. Einfach weinen. Danach geht es mir immer besser. Ich erkenne es an, benenne und schreibe – so wie hier. Es heilt meine Seele.
Trauer ist was Irrationales – was Emotionales. Es liegt tief. Man merkt wie gefestigt, wie unabdingbar etwas in unserem Leben war, wenn es auf einmal nicht mehr da ist. Wenn es uns wichtig war, wenn wir dafür gelebt haben. Wenn es unserer sicherer Hafen war und unser Netz.
Es ist ein bittersüßer Zustand, denn hinter dem Schmerz liegt eine verborgene Schönheit – die Zeit, die man bewusster gestaltet und lebt. Die tieferen Gespräche die man führt. Die Bemühungen die man auf beiden Seiten anerkennt, das das neue Konstrukt auch schön wird, die Liebe die so groß ist, dass man dafür so viel hergibt. Das alles steht auf der anderen Seite der gleichen Münze.
Trauer und Liebe. Es ist eins. Das weiß ich nun.
All the Love
From Liberty

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